Lungenfachärztliche Praxis und Schlaflabor Hans-Joachim Arndt
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COPD für Fortgeschrittene – ist Sport wirklich Mord?

Die Situation kennt der Atemwegs-Patient nur allzu gut: beim Verlassen des Sprechzimmers wird er von seinem Lungenfacharzt beiläufig mit der Empfehlung entlassen: "…und vergessen Sie nur nicht, sich ausreichend zu bewegen!" Jetzt ist er vollends überfordert: gerade noch hinsichtlich der Notwendigkeit der regelmäßigen Anwendung seiner Inhalations-Medikation eindringlich instruiert soll er sich nun auch noch selbst um die Durchführung eines körperlichen Fitnessprogramms kümmern, soll abnehmen, womöglich auch noch aufhören zu rauchen!

In der Tat ist all dies etwas viel verlangt; eigentlich sollte doch der betreuende Pneumologe zufrieden sein, wenn sein Patient die Inhalationstechnik beherrscht, die Medikamente zeitgerecht anwendet und dabei die erforderliche Therapietreue zeigt. Seit mehr als 10 Jahren verstehen wir Pneumologen  die COPD als Systemerkrankung, wobei die beiden wesentlichen Erscheinungsbilder mit dem Trend zu deutlichem Übergewicht („blue bloater“) oder zu bedrohlichem Gewichtsverlust („pink puffer“) einhergehen; in beiden Fällen besteht eine bedeutsame Einschränkung der Alltagsbelastbarkeit nicht nur infolge von Luftnot, sondern auch durch Minderung der Muskelmasse mit fehlender Kraft/-Ausdauer und Koordinationsfähigkeit.

Um meinen motivierten Patienten den Einstieg in das körperliche Trainingsprogramm zu erleichtern, habe ich im April 2005 in Recklinghausen die erste regionale Lungensportgruppe gegründet. Inzwischen trainieren > 100 unserer chronischen Bronchitiker und Asthmatiker unter unterschiedlichen Leistungsanforderungen in 5 verschiedenen Trainingsgruppen; darunter auch in einer sog. "Hocker-Gruppe" für Patienten mit starker Einschränkung des Aktionsradius sowie Sauerstoff-Pflichtigkeit. Die Akzeptanz ist dank zweier sehr erfahrener und einfühlsamer Übungsleiter erfreulich groß.

Sowohl im Rahmen der Eingangsuntersuchung wie auch bei längerfristigen Therapiekontrollen wird die Ermittlung der aktuellen Leistungsfähigkeit unter Bestimmung der maximalen Sauerstoffaufnahme mittels Spiroergometrie angestrebt; in kürzeren Intervallen erfolgt während der Übungsstunden der Vergleich der 6 min Gehstrecke (6MWT) sowie des BODE-Index im Vergleich zu den Ausgangswerten. Auch wenn immer wieder auf eine moderate Trainingsintensität - unterhalb der anaeroben Schwelle - hingewiesen wird, steht für diejenigen, die sich doch einmal übernommen haben sollten, ein Sauerstoffkonzentrator bereit. Großer Wert wird auf die Vermittlung grundlegender Kenntnisse der Trainingslehre gelegt.

So werden die Teilnehmer motiviert, ein möglichst abwechslungsreiches Ergänzungsprogramm in Eigenregie von insgesamt 3 x 30 min/Woche zu absolvieren (Radfahren auf dem Heimtrainer, Übungen mit dem Theraband, 1x wöchentliches Schwimmtraining). Zielsetzung ist es, sowohl Grundlagenausdauer wie auch muskuläre Kraft zu steigern und Koordinations-Defizite zu kompensieren. Auch das Training atemerleichternder Körperpositionen wie auch die Rückenmuskulatur stärkende Übungselemente fließen in den Lungensport mit ein.

Zu Beginn einer jeden Übungsstunde gilt es, die aktuelle Befindlichkeit der Teilnehmer zu erfassen und davon abhängig die Trainings Intensität zu steuern. In der Aufwärm-Phase dienen Dehn-Übungen der Mobilisation des Achsenskeletts, des Brustkorbes und der Extremitäten. Die Haupt-Phase nimmt mit dem zentralen Übungsteil mehr als 50 % der Trainingseinheit ein und kann sowohl Kraft-, Ausdauer- wie auch spielerische Elemente enthalten; alle dienen der Optimierung der Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL). In der Nachtbereitungs-Phase folgt das patientenseitig sehr beliebte "cool-down" - oftmals verbinden sich hier Atemübungen mit entspannender Musik oder mit einer die Autosuggestion unterstützenden „Traum-Geschichte“. Zum Trainingsschluss erfolgt nochmals die Abfrage der individuellen Befindlichkeit und der ggf. eingesetzten inhalativen Bedarfsmedikation.

Anhand einfach zu objektivierender Leistungs-Eckdaten (Bode-Index, 6MWT) wird der Umfang der individuellen Leistungssteigerung messbar; viele Teilnehmer bestätigen die positiven Trainingseffekte in Form nachlassender Kurzluftigkeit und geringerer Infekt Anfälligkeit. Die exakte spiroergometrische Belastungsprüfung ermöglicht dann neben der Objektivierung einer trainingsinduzierten Anpassung der maximalen Sauerstoffaufnahme die Erstellung eines individuellen Herzfrequenz-gesteuerten Trainingsplanes zur Optimierung der Grundlagenausdauer. Deutlich motivierende Aspekte ergeben sich aus einer erfolgreichen Gewichtsreduktion und dem subjektiven Nachlassen von Angst und depressiver Stimmungslage, zweier oft maskierter Komponenten bei Atemwegspatienten. In diesem Zusammenhang wird die Entwicklung eines kleinen "sozialen Netzwerkes" innerhalb der Lungensportgruppe als außerordentlich stützend und hilfreich empfunden – die Gruppendynamik hat bei unseren Teilnehmern mehrfach zur Organisation gemeinsamer Freizeitaktivitäten (Tagesausflüge, Museumsbesuche) geführt.

Zusammenfassend besteht ein sehr guter Evidenzgrad für die Durchführung eines körperlichen Trainingsprogramms bei Patienten mit auch fortgeschrittenen Atemwegserkrankungen und sogar erforderlicher Sauerstoff-Langzeittherapie. Zwar sind die morphologischen Veränderungen der Lungenstruktur mit Überblähung des Alveolarraums und Elastizitätsverlust nicht reversibel, dagegen besteht ein großes Trainingspotenzial hinsichtlich der durch Detraining reduzierten Skelettmuskulatur. So fällt es dem COPD-Patienten in den Stadien B. und D nach GOLD zunächst leichter, ein moderates Krafttraining mit dem Theraband als ein aerobes Ausdauertraining zu absolvieren. Durch Vermittlung einfacher Elemente der Trainingslehre, insbesondere den Mechanismen der Superkompensation als Folge sinnvoller Trainingsintervalle sind aber nicht nur Sportler, sondern auch Atemwegs-Patienten außerordentlich zu motivieren.

Nichtsdestoweniger ist das Aufgabenfeld für uns Lungenfachärzte noch bei weitem nicht abgearbeitet: Die große Anzahl allein medikamentös behandelter Atemwegs-Patienten sollte uns nicht ruhen lassen, weitere Patienten für die Teilnahme an Lungensportgruppen zu begeistern und mit Gründung neuer Standorte die Dichte des Lungensport-Angebotes in Deutschland zu steigern. Mit der Aussicht auf eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit für den mittels Lungensport trainierten Atemwegspatienten sollte uns dies jedenfalls gelingen.